"Die vielen Leben des Jan Six" von Geert Mak

Für die niederländische Botschaft habe ich das neue Buch des Autors und Historikers Geert Mak gelesen. „Die vielen Leben des Jan Six“ erstrecken sich auf 500 Seiten. Warum sie sich lohnen und welche fünf Anekdoten ich in meinen Party-Gesprächsstoff aufnehmen werde. Für besondere Anlässe 😉

Geert Mak führt uns durch das Leben der bekannten Amsterdamer Adelsfamilie Six. Dabei vermitteln Briefe, Kleider, Alltagsgegenstände und kostbare Gemälde zwischen der Vergangenheit und dem Jetzt. Wir lernen den ersten Jan Six im Goldenen Zeitalter kennen und verfolgen all seine späteren Namensvetter. Aus den fleißigen Tuchfärbern werden Schöngeister, Beamte, Politiker und Wissenschaftler.

Über die Jahrhunderte hinweg sammeln und dokumentieren die Sixe, was sie bewegt (und stellen es bis heute in ihrem Haus aus). Wo Kunst und Korrespondenzen der Familie ihre Lücken lassen, setzt Geert Mak das Puzzle gekonnt mithilfe weiterer Quellen zusammen. So gelingt es ihm, die Familie Six mit anderen bedeutenden Ereignissen und Menschen von Rembrandt bis Roosevelt vor unserem inneren Auge zu verflechten.

Geert Mak versteht es, seine Leser unvermittelt anzusprechen, als säße man bei einem „kopje koffie“ an der Gracht. Und wie das mit Familiengeschichten so ist: Wer sie erzählt bekommt, verliert sich auch mal zwischen all den Jans, Piets, Annas und Nines. Dafür geben sie der niederländischen Geschichte ein Gesicht – und uns Lesern einen Schatz an Anekdoten, die wir gerne weitererzählen.

Fünf Dinge, die ich in „Jan Six“ gelernt habe:

1. Kenne die bucklige Verwandtschaft: Die reichen Familien in Amsterdam sicherten sich über Jahrhunderte untereinander gut ab. Hier ein kleiner Posten für den Schwager, da eine Rente für die unverheiratete Großnichte oder dort eine Fürsprache in einem Streit – und alles nicht ohne Gegenleistung. Man kennt das ja. Das System der sogenannten Magschaften stammt aus dem Mittelalter und funktionierte so oder so ähnlich auch andernorts. Wer es ernst nahm, fühlte sich damals für alle Verwandten verantwortlich, die von den eigenen acht Urgroßeltern abstammten. 😳

2. Sei nicht da, wenn Besuch kommt: Im 19. Jahrhundert war es sonntags Brauch, den anderen reichen Familien Besuche abzustatten. Man fuhr mit der Kutsche vor dem Haus seiner Bekannten vor, schickte seinen livrierten Stallknecht mit einer Visitenkarte hinein und folgte ihm nach, sofern der zu Besuchende sich nicht verleugnen ließ oder nicht tatsächlich unterwegs war. Mitunter waren die Besucher auch erleichtert, wenn sie es dabei belassen konnten, einfach nur die Visitenkarte abzugeben und weiterzufahren. 🙈

3. Fortschritt kann sich umkehren: Die Emanzipation war zum Ende des 18. Jahrhunderts schon so weit vorangeschritten, dass Frauen als Philosophinnen, Autorinnen oder Komponistinnen am gesellschaftlichen Leben teilnahmen. Dies änderte sich eine Generation später wieder. Das „schöne Geschlecht“ wurde zierendes Beiwerk, und es ziemte sich für Frauen nicht, ohne Begleitung das Haus zu verlassen – und schon gar nicht zwischen ein und drei Uhr nachmittags auf die Amsterdamer Kalverstraat zu gehen, denn die gehörte in dieser Zeit den Prostituierten. 😏

4. Öko ist Proll: Farben waren lange Zeit nur etwas für die Reichen, denn Blau, Rot oder Schwarz etwa mussten mit Naturstoffen hergestellt werden, und die waren teuer. Die einfachen Leute trugen ungefärbte Kleidung. Die war meistens braun oder beige oder blassgrün. Mit seinem roten Umhang, wie er ihn auf dem bekannten Rembrandt-Gemälde trägt, stach Stammvater Jan Six, Begründer der bekannten Amsterdamer Patrizierfamilie, also aus der „grauen Masse“ heraus. 🌿

5. Bier hilft viel: Ihre Vorliebe fürs niederländische Bier wurde den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs in Amsterdam zum Nachteil. Als ein Jan Six in dieser Zeit als Direktor die Amstel-Brauerei führte, ließ er die Lieferlisten den alliierten Geheimdiensten zukommen: Das Bier war eine eindeutige Spur zum Feind – es wurde dorthin gebracht, wo deutsche Truppen stationiert waren. Tja. 🍺