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Fragen nach früher bedeutet: die Wege auch mehrfach gehen. (Foto: Pexels / Tookapic)

Wenn wir mit älteren Menschen über das reden, was früher war, müssen wir uns klar sein: Wir hören die aktuelle Version der Geschichte. Mit jedem Lebensjahr, mit jeder weiteren Erfahrung erscheinen die Geschehnisse von damals in einem neuen Licht. Wer sich erinnert, ordnet gleichzeitig ein. Die US-amerikanische Schriftstellerin und Wissenschaftlerin Siri Hustvedt beschreibt es so:

„Beim Akt des Erinnerns wird nicht irgendeine auf der ‚Festplatte‘ des Gehirns abgesicherte ursprüngliche Tatsache abgerufen. Was wir uns ins Gedächtnis rufen, ist die letzte Version einer gegebenen Erinnerung.“*

Zwei wesentliche Faktoren beeinflussen demnach diese letzte Version: die Gefühle und das, was wir weglassen. Siri Hustvedt meint dazu:

„… ist doch klar, dass die Erinnerung durch Emotionen konsolidiert wird, dass die Bruchstücke der Vergangenheit, die wir am besten erinnern, die von Gefühl gefärbten sind, egal, ob Freud, Leid oder Schuld.“*

Bemerkenswert finde ich dabei, dass Hustvedt uns noch einmal auf die Verwandtschaft zwischen dem Erinnern und dem Geschichtenerzählen aufmerksam macht. Was unwichtig erscheint, wird weggelassen:

„Die Geschichten in der Erinnerung und in der Fiktion sind auch aus Fehlendem gemacht – dem ganzen Material, das ausgelassen wird.“**

Doch das erschwert es uns auch, wenn wir bei unseren Großeltern nachforschen: Woher sollen wir wissen, was fehlt? Wie danach fragen? Vieles können wir in Büchern nachlesen und so eventuelle Lücken aufspüren. Aber das, denke ich, braucht es  zumindest für den Anfang nicht.

Fragen können wir unsere Großeltern stattdessen nach den ganz banalen Dingen im Alltag: Was habt ihr gegessen? Wie oft habt ihr Post bekommen? Wie habt ihr gefeiert? Wenn konkret Bilder im Kopf hervorgerufen werden, die mit Emotionen behaftet sind, findet das Gespräch seinen Weg. Ihn können wir vorwärts, rückwärts und auch mehrfach gehen.

* Hustvedt, Siri (2010): Die wahre Geschichte. In: S. Hustvedt, Leben, Denken, Schauen. Essays, (129-158). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

** Hustvedt, Siri (2010): Drei emotionale Geschichten. Ibid., (232-259).